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Ausgabe 02 · Lesezeit: ca. 5 Minuten

Guten Morgen und herzlich willkommen zur zweiten Kaffeepause. ☕

Singen, kurz nach fünf. Anfang Oktober, noch dunkel. Die Sterne funkeln. Der Cappuccino läuft.

Die Katzen sorgen derweil bereits für Leben in der Bude. Allen voran Q, die sich in den letzten drei (natürlich Zufall) Nächten liebevoll um mich gekümmert hat – messbar. Aber dazu später mehr.

Die erste Ausgabe ist passé, und ich habe mich über die positiven Rückmeldungen gefreut – danke dafür. Die Frage, die mich zum heutigen Schwerpunkt geführt hat, kam allerdings nicht per Mail, sondern aus dem Unterricht. Ein Auszubildender wollte wissen: „Bleiben Sie als Deeskalationstrainer eigentlich immer ruhig?“

Eine gute Frage. Und meine Antwort fiel etwas anders aus, als er erwartet hatte. Mehr dazu im zweiten Beitrag.

Auch diesmal geht es um drei Themen aus meinem beruflichen Alltag. Auf den ersten Blick haben sie wenig miteinander zu tun. Bei genauerem Hinsehen aber schon. Denn ob Sie ein schwieriges Gespräch führen, das Verhalten anderer Menschen beurteilen oder mit künstlicher Intelligenz arbeiten: Oft kommt es weniger auf die Antwort an als auf die Frage, die Sie sich vorher stellen.

Besonders die innere Haltung bekommt daher in dieser Ausgabe den größten Raum.

Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen – und eine gemütliche Kaffeepause (Tee geht zur Not natürlich auch 😉)!

🔍Unterstrichene Fachbegriffe können Sie anklicken. Die Erklärung öffnet sich direkt auf dieser Seite, danach lesen Sie an derselben Stelle weiter.

🟣 01 · Beratung & Supervision

Der schwierige Kollege: Warum ich zuerst nach dem Zeitpunkt frage

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Worum es geht: Im Auftrag steht ein Name. Ein Kollege gilt als schwierig, und ich soll dem Team beibringen, wie es besser mit ihm umgeht. Ich mache das nicht sofort. Ich frage vorher: Seit wann ist er schwierig – und was war davor? Die Antwort lautet erstaunlich oft: seit der Umstrukturierung, seit die Stelle nicht nachbesetzt wurde, seit zwei Leitungen ihm Widersprüchliches sagen. Das entschuldigt nichts. Aber es ändert die Frage: nicht mehr „Wie gehen wir mit ihm um?“, sondern „Was in unserem System hält das am Laufen?“. Bei der ersten Frage ändert sich meistens nichts, weil eine einzelne Person das System nicht ändern kann. Bei der zweiten kommen Antworten heraus, die mit ihm gar nichts zu tun haben.

⚡Kurz gesagt: Die Schuldfrage zeigt auf die Person. Die Supervisionsfrage zeigt auf das System. Nur die zweite verändert etwas.

🛠️ Was heißt das für Sie – und wie nutzen Sie es?

In Ausgabe 01 ging es um systemisches Denken im Allgemeinen. Hier wird es konkret: Der Zeitpunkt ist die beste Spur, die Sie haben. Verhalten ändert sich selten ohne Anlass. Wer den Anlass findet, hat etwas, an dem sich arbeiten lässt. Wer nur die Person findet, hat nur jemanden, über den sich reden lässt.

Deshalb drei Fragen, bevor Sie das nächste Mal über jemanden sprechen:

  1. Seit wann genau? Nicht „schon immer“. Es gibt fast immer ein Davor.
  2. Was war zu dem Zeitpunkt sonst neu? Leitung, Aufgaben, Besetzung, Räume, Dienstplan.
  3. Wer außer ihm hat sich seitdem auch verändert – und spricht nur niemand darüber?

Die dritte Frage ist unbequem, weil die Antwort oft „ich“ heißt.

Warum das Team das nicht allein sieht

Alle im Team teilen dieselbe Geschichte über den Kollegen. Das ist kein Mangel an Intelligenz, sondern Folge davon, im selben System zu stecken. Genau dafür gibt es Supervision: Jemand von außen stellt die Zeitpunktfrage, ohne die Geschichte schon zu kennen.

📖Zum Weiterlesen: Arist von Schlippe und Jochen Schweitzer, Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung.

🟢 02 · Schwerpunkt · Kommunikation, Deeskalation & Sicherheit

Deeskalation: Warum die innere Haltung wichtiger ist als jede Technik

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Worum es geht: Ich schule seit Jahren Menschen, die beruflich kontrollieren – Fahrscheine, Zutritt, Einlass. Nach wenigen Minuten weiß ich, wer von ihnen viel Stress hat und wer wenig. Das liegt an einem Satz in der Vorstellungsrunde: „Erzählen Sie mir von Ihren Fahrgästen.“ Der eine sagt: Die wollen mich alle verarschen. Der andere: Die meisten haben es einfach vergessen. Gleiche Linie, gleiche Fahrgäste, gleicher Job. Aber der Erste steigt jeden Morgen mit einer Erwartung ein, die sich zehnmal am Tag bestätigt – und muss sich in jedem zweiten Gespräch bremsen. Der Zweite braucht die Bremse seltener, weil weniger zu bremsen ist. Die innere Haltung entscheidet nicht, ob jemand Impulskontrolle hat. Sie entscheidet, wie oft er sie braucht.

⚡Kurz gesagt: Technik und Impulskontrolle greifen erst, wenn es eng ist. Die Haltung entscheidet vorher, wie oft es eng wird.

🛠️ Was heißt das für Sie – und wie nutzen Sie es?

Der erste Kontrolleur sieht nur noch, was zu seiner Erwartung passt – deshalb bestätigt sie sich. Das ist der Grund, warum ich in meinen Trainings vor jeder Technik bei der Haltung anfange. Wer Menschen als Gegner sieht, kann Techniken lernen, so viele er will – er wird sie nur öfter brauchen, und irgendwann hält er das nicht mehr durch.

Die Frage, die Sie sich stellen können

Mit welchem Satz gehe ich rein? Nicht laut, nur für sich. „Der will mich vorführen“ oder „Der ist überfordert“. Beides kann stimmen. Aber Sie werden danach unterschiedlich dastehen, unterschiedlich klingen und unterschiedlich viel Bremse brauchen.

Und eine zweite, die niemand gern hört: Von wem lasse ich mir überhaupt etwas sagen? Die Haltung filtert nicht nur, was Sie in Ihrem Gegenüber sehen. Sie filtert auch, wessen Rückmeldung Sie an sich heranlassen. Die Forschung dazu ist eindeutig: Ob wir Kritik annehmen, hängt vor allem davon ab, für wie kompetent wir die Person halten – nicht davon, ob die Kritik stimmt. Die zutreffende Kritik kommt leider selten von den Leuten, die man schätzt.

📖Zum Weiterlesen: Richard Lazarus, Stress, Appraisal, and Coping – die Grundlage dafür, dass die Bewertung einer Situation entscheidet, nicht die Situation.

👉 Aus dem Unterricht gefragt„Wenn Sie das seit so vielen Jahren unterrichten – deeskalieren Sie dann eigentlich immer? Bleiben Sie immer ruhig?“

Antwort: Nein … 🤷‍♂️

Ein Beispiel aus meinem eigenen Unterricht: Ein Auszubildender erklärt mir, er dürfe während der Stunde spazieren gehen, das könne ich ihm nicht verbieten. Ich verweise auf die Anwesenheitspflicht. Er diskutiert weiter: Er könne kommen und gehen, wie er wolle. Ich widerspreche, fordere ihn auf, am Unterricht teilzunehmen – und werde dabei lauter, als ich müsste. Ähnlich lief es, als derselbe Auszubildende dann auch noch auf der Pause um Punkt zehn bestand, während ich noch fünf Minuten brauchte.

Was in dem Moment in mir passiert: Meine innere Haltung sagt „Ich bin hier der beauftragte Lehrer. Es gibt festgelegte Regeln. Das wird nicht diskutiert.“ Und weil sie das sagt, denke ich gar nicht an Deeskalation. Nicht an eine Technik, nicht an Impulskontrolle – obwohl beides manchmal sinnvoll wäre. Die Haltung hat vorher entschieden, dass es hier nichts zu deeskalieren gibt.

Genau das war der Casus Knacksus. Nicht die Grenze. Die Anwesenheitspflicht gilt, die Pause wird verschoben, und das darf ich klar sagen – eine klare Ansage deeskaliert mehr als Nachgeben. Was nicht aus der Rolle kam, war das Lautwerden. Das kam aus dem Abstand zwischen dem, was ich erwartet hatte („das wird nicht diskutiert“), und dem, was kam.

Und dann die zweite Lektion, direkt hinterher: Ein Kollege zieht mich damit auf. „Du machst das doch beruflich.“ Mein erster Gedanke war nicht „stimmt“, sondern „ausgerechnet der“ – und schon war ich dabei, ihm die Kompetenz abzusprechen, statt mir die Frage zu stellen. Dabei kann beides wahr sein: dass ich von ihm wenig halte und dass er in dem Moment recht hatte. Das ist dieselbe Haltung, nur in die andere Richtung – und sie hat mir für einen Moment eine zutreffende Rückmeldung vom Leib gehalten.

Ich erzähle das nicht, weil ich stolz darauf bin. Den Auszubildenden habe ich es dennoch nicht verschwiegen – weil sie anhand eines praktischen Beispiels aus dem Alltag verstehen sollten, was innere Haltung ist: nicht ein Vorsatz, ruhig zu bleiben, sondern die Entscheidung, die vorher fällt – und die festlegt, welche Optionen ich überhaupt noch sehe.

Und was machen Sie damit?

Suchen Sie sich eine Situation, in der Sie regelmäßig lauter werden, als Sie müssten. Nicht die große, die kleine wiederkehrende. Und beantworten Sie für genau diese Situation zwei Fragen: Mit welchem Satz gehe ich da rein? Und: Was genau erwarte ich, das dann nicht eintritt?

Meistens zeigt sich, dass die Grenze richtig ist und nur die Erwartung zu groß war. Die Grenze behalten Sie. An der Erwartung lässt sich arbeiten.

🔵 03 · KI & digitale Kompetenz

Macht KI dumm? Es kommt darauf an, wie du fragst

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Worum es geht: Zwei Lager streiten: „KI macht uns dumm“ gegen „Das ist Kulturpessimismus“. Beide reden an der Sache vorbei. Es kommt nicht auf das Werkzeug an, sondern darauf, wie man es benutzt. Variante 1: „Löse das für mich.“ Sie bekommen ein Ergebnis, geben es weiter, und vier Wochen später können Sie es nicht mehr erklären. Variante 2 klingt fast gleich und ist das Gegenteil: „Gib mir einen Hinweis, aber nicht die Lösung.“ Gleiches Werkzeug – einmal ersetzt es Ihr Denken, einmal fordert es Sie. Ich schaue seit über 30 Jahren Menschen beim Lernen zu, und der Unterschied war immer derselbe: Wer nur das Ergebnis abholt, behält nichts. Wer selbst ringt und sich korrigieren lässt, behält es. Die KI macht nur beide Wege schneller verfügbar.

⚡Kurz gesagt: Nicht die KI entscheidet, ob Sie dümmer werden. Die Art Ihrer Frage entscheidet.

🛠️ Was heißt das für Sie – und wie nutzen Sie es?

Das ist kein KI-Effekt, sondern ein Lern-Effekt, den die Forschung seit Jahrzehnten kennt: Selbst erzeugte Antworten bleiben besser hängen als gelesene – der Generierungseffekt. Und wer sich selbst abfragt, behält mehr als wer noch einmal liest – der Testing-Effekt.

Drei Formulierungen, die den zweiten Weg erzwingen:

  1. „Gib mir einen Hinweis, aber nicht die Lösung.“
  2. „Ich habe so gedacht: … Wo siehst du meinen Fehler?“
  3. „Stell mir drei Fragen, mit denen ich prüfen kann, ob ich es verstanden habe.“

Wo das wirklich zählt

Überall dort, wo Sie das Ergebnis später vertreten müssen. Ein Konzept für die Leitung, ein Elterngespräch, eine Stellungnahme. Was Sie sich haben lösen lassen, können Sie in der Rückfrage nicht verteidigen. Was Sie sich haben prüfen lassen, schon.

Und wenn Sie unterrichten oder ausbilden: Die Frage ist nicht, ob Ihre Leute KI benutzen. Die Frage ist, welche der beiden Varianten Sie ihnen vormachen.

📖Zum Weiterlesen: Slamecka & Graf (1978) zum Generierungseffekt; Roediger & Karpicke (2006) zum Testing-Effekt.

Das war die zweite Kaffeepause. Die Tasse ist leer.

Bis in drei Wochen.
Mark Bottke

PS: Zurück zu Q. Nachts ist sie nicht immer da – sie zieht gern um die Häuser. Aber in den letzten drei Nächten war es so: Ich wache auf, und kurz darauf kommt sie, legt sich in meinen Arm, den Kopf an meinen. Nicht zufällig – sie sucht das gezielt. Ich trage nachts einen Ring, der den Puls aufzeichnet. In diesen Minuten geht er sichtbar runter. Und weil ich Technik-Nerd bin, habe ich mir gerade ein neues Blutdruckgerät gekauft – natürlich mit App, die alles auswertet und mir morgens Kurven zeigt. Die Kurve nach diesen drei Nächten: niedriger als sonst.

Drei Nächte sind keine Statistik. Woran es liegt, weiß ich nicht – Schnurren, ein Hormon, oder einfach, dass jemand kommt, ohne dass ich etwas tun muss. Was die Forschung weiß: Menschen mit einem vertrauten Tier im Raum reagieren unter Stress messbar schwächer. Das passt.

Mit Block 02 hat das mehr zu tun, als es aussieht. Die Haltung entscheidet, wie oft es eng wird. Der Akku entscheidet, wie viel Bremse Sie dann noch haben. Q lädt meinen – und sie fängt damit an, nicht ich.

Mein Impuls für Sie: Finden Sie heraus, was Ihren Akku lädt. Messbar, nicht gefühlt – ein Ring oder eine Uhr mit Pulsmessung reicht dafür. Und achten Sie darauf, ob Sie es holen müssen oder ob es von selbst kommt. Der Unterschied ist größer, als man denkt.

Mark Bottke, MB-Trainings, 09.10.2026

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