Ausgabe 03 · Lesezeit: ca. 3 Minuten pro Thema
Hallo und herzlich willkommen zur dritten Kaffeepause. ☕
Singen, Halloween 2026. 👻
Diese Zeilen entstehen, während meine jüngste Tochter gerade fröhlich an einem Kürbis schnitzt 🎃. Er bekommt ein Gesicht, das gruseliger aussieht, als er eigentlich ist – und damit sind wir irgendwie auch schon mitten im Thema.
Was haben diesmal alle drei Themen gemeinsam? Wir achten gerne auf das Auffällige und übersehen manchmal das Entscheidende.
Beim Lob auf die Größe statt auf die Genauigkeit. Bei der Messerabwehr auf die vermeintlich effektive Technik statt auf den Abstand. Und beim Schockanruf auf die Stimme statt auf den emotionalen Druck.
Den meisten Raum bekommt diesmal das Thema Wertschätzung. Im entsprechenden Video geht es um eine Pflegekraft und ihre jährliche Dankeskarte. Und danach erzähle ich von einem Team, in dem es gar keinen großen Konflikt gab – und sich trotzdem niemand mehr gesehen fühlte.
Mehr dazu im ersten Beitrag.
Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen – und eine gemütliche Tasse Kaffee oder Tee. Heute ausnahmsweise auch mal mit einem Schuss Rum oder Ähnlichem – aber bitte erst nach Feierabend... ;-) 🍾
🔍Unterstrichene Fachbegriffe können Sie anklicken. Die Erklärung öffnet sich direkt auf dieser Seite, danach lesen Sie an derselben Stelle weiter.
Wertschätzung im Team: Warum Lob nicht immer ankommt, wie es gemeint ist
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1:14 Minuten · auf YouTube ansehen
Worum es geht: Eine Pflegekraft bekam jedes Jahr eine Dankeskarte – und wusste trotzdem nicht, ob es einen Unterschied macht, dass sie persönlich da war oder nicht. Das ist kein Undank. Lob und das Gefühl, zu zählen, sind zwei verschiedene Dinge. Lob sagt: Du machst deine Arbeit gut. Zu zählen hat zwei Teile: Ich werde wahrgenommen. Und mein Beitrag verändert etwas. Eine Karte an alle bedient keinen der beiden, denn „Danke für Ihren Einsatz“ ist an niemanden gerichtet. Der Unterschied zur wirksamen Variante ist erstaunlich klein: nicht „Danke für Ihren Einsatz“, sondern „Die Art, wie Sie gestern mit den Angehörigen von Frau Meier gesprochen haben – das hat die Situation gerettet.“ Ein Satz. Eine Person, eine Handlung, eine Wirkung.
⚡Kurz gesagt: Die wirksamste Wertschätzung ist nicht die größte. Es ist die genaueste.
🛠️ Was heißt das für Sie – und wie nutzen Sie es?
Teams wünschen sich selten „nur“ mehr Wertschätzung. Sie wünschen sich genauere. Das ist die gute Nachricht: Genauigkeit kostet nichts außer Aufmerksamkeit.
Ein wirksamer Satz hat drei Teile:
- Wer? Eine Person. Nicht „alle“, nicht „das Team“.
- Was genau? Eine Handlung, die Sie selbst gesehen haben. Nicht „Ihr Einsatz“, sondern „wie Sie gestern …“.
- Was hat es bewirkt? Für wen hat sich dadurch etwas verändert? Genau dieser Teil fehlt fast immer – und genau er sagt: Ihr Beitrag zählt.
Das gilt nicht nur von der Leitung zum Team. Kolleginnen und Kollegen untereinander können das genauso.
Ein Versuch für diese Woche
Sagen Sie einer einzigen Person einen einzigen solchen Satz. Nicht per Rundmail, nicht in der Teambesprechung, sondern direkt. Und achten Sie darauf, wie er ankommt – im Vergleich zum letzten „Danke für alles“.
📖Zum Weiterlesen: Isaac Prilleltensky (2019), „Mattering at the Intersection of Psychology, Philosophy, and Politics“, American Journal of Community Psychology – zu den zwei Teilen des Gefühls, zu zählen.
👉 Aus der SupervisionWertschätzung – wenn Führung auf Abstand geht
Manchmal braucht es gar keine großen Konflikte, damit sich Menschen an ihrem Arbeitsplatz nicht mehr wohlfühlen. Manchmal reicht es schon, wenn sie das Gefühl bekommen, nicht mehr gesehen zu werden.
In einer Teamsupervision berichteten mir Mitarbeitende von einer Situation, die mich nachdenklich gemacht hat.
Ihre Führungskraft war im Arbeitsalltag kaum noch persönlich präsent. Der direkte Austausch wurde seltener, dafür wurden die Regeln strenger. Was früher selbstverständlich war, wurde plötzlich kritisch betrachtet.
Da saßen beispielsweise zwei Kolleginnen für ein paar Minuten zusammen, tranken einen Kaffee und tauschten sich aus. Eine kleine Verschnaufpause in einem anstrengenden Arbeitsalltag. Doch statt darin auch einen Moment des kollegialen Miteinanders zu erkennen, wurde ihnen vermittelt, sie sollten sich lieber wieder ihrer Arbeit widmen.
Die Mitarbeitenden hatten zunehmend das Gefühl, dass nicht mehr gesehen wurde, was sie täglich leisteten. Wahrgenommen wurde vor allem das, was vermeintlich nicht funktionierte.
Als schließlich Unzufriedenheit und Spannungen im Team entstanden, kam von der Führungskraft zunächst die Botschaft: „Klärt das erst einmal untereinander.“
Und als deutlich wurde, dass die Probleme nicht einfach verschwinden würden, wurde ein gemeinsames Gespräch in Aussicht gestellt. Allerdings erst in einigen Monaten.
Einige Monate.
Für Menschen, die sich bereits seit Wochen nicht gehört und ernst genommen fühlen, kann sich das wie eine Ewigkeit anfühlen.
In der Supervision wurde deutlich, dass es den Mitarbeitenden gar nicht darum ging, sämtliche Regeln infrage zu stellen oder ständig gelobt zu werden. Sie wollten vielmehr wahrgenommen werden. Sie wollten, dass ihre Anliegen ernst genommen werden. Und sie wollten eine Führungskraft, die nicht nur dann in Erscheinung tritt, wenn etwas nicht funktioniert.
Denn Wertschätzung beginnt nicht erst beim Lob für eine besondere Leistung. Sie zeigt sich im täglichen Umgang miteinander, in echtem Interesse, in persönlicher Präsenz und vor allem darin, wie man reagiert, wenn einem jemand sagt, dass etwas nicht stimmt.
Wertschätzung bedeutet nicht, immer einer Meinung zu sein. Aber sie bedeutet, dem anderen zu zeigen, dass seine Perspektive zählt.
Die Forschung hat für das, was diesem Team fehlte, einen eigenen Begriff: Mattering, das Gefühl, zu zählen. Es besteht aus zwei Teilen – wahrgenommen werden und etwas beitragen, das einen Unterschied macht. Bei der Pflegekraft mit der Dankeskarte fehlte der zweite Teil. Hier fehlten beide: Gesehen wurde nur, was nicht lief, und das Anliegen des Teams wurde auf später verschoben.
Und was machen Sie damit?
Vielleicht ist das die entscheidende Frage für Ihre nächste Kaffeepause:
Wann haben Sie einem Menschen zuletzt das Gefühl gegeben, wirklich gesehen zu werden – nicht wegen seiner Leistung, sondern einfach als geschätzter Kollege?
Messerabwehr: Warum ich eine effektive Abwehr nicht wirklich für möglich halte
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Worum es geht: „Ist Messerabwehr möglich?“ Die Frage bekomme ich regelmäßig. Meine Antwort ist kürzer, als sie den meisten gefällt: Nein. Das ist keine Aussage über Technik, sondern über Zeit. Selbst die Polizei lehrt: Sieben Meter Abstand überbrückt jemand mit einem Messer, bevor eine Pistole gezogen ist. Mir ist bewusst, dass im Krav Maga auf Schwarzgurt-Niveau Messerabwehr unterrichtet wird. Dort dient sie aber in erster Linie dem Überleben. Meine Empfehlung bei einem Überfall ist deshalb dieselbe wie die der Polizei: tun, was die Täterin oder der Täter sagt, und nicht den Helden spielen. In meinen Trainings habe ich das oft getestet: weiße T-Shirts, rote Stifte. Danach waren alle sehr bunt bemalt. Hollywood ja – regulär ein Messer abwehren: nein.
⚡Kurz gesagt: Messerabwehr ist kein Technikproblem, sondern ein Zeitproblem. Wer die Distanz schneller überbrückt, als eine Reaktion anlaufen kann, ist da, bevor die Abwehr beginnt.
🛠️ Was heißt das für Sie – und wie nutzen Sie es?
Die meisten von Ihnen werden nie in diese Lage kommen. Aber die Frage dahinter betrifft jeden, der mit Publikum arbeitet – am Schalter, in der Pflege, in der Schule, im Bus: Worauf verlasse ich mich, wenn es eng wird?
Wer sich auf eine Technik verlässt, fängt zu spät an. Was wirkt, wird vorher entschieden:
- Abstand und Ausweg. Stehen oder sitzen Sie so, dass zwischen Ihnen und der Tür niemand ist. Am Schreibtisch heißt das oft: den Tisch umstellen, nicht die Technik üben.
- Nichts in Griffweite, was zur Waffe werden kann. Schere, Brieföffner, schwere Gegenstände gehören nicht auf die Seite des Tisches, auf der Ihr Gegenüber sitzt.
- Hergeben ist keine Niederlage. Geld, Handy, Tasche – alles ersetzbar. Wer bedroht wird und nachgibt, hat nicht verloren, sondern richtig entschieden.
Warum der Test mit dem T-Shirt mehr bringt als jede Erklärung
Ich könnte erklären, wie schnell eine Klinge ist. Das glaubt man, aber man spürt es nicht. Nach dem Test mit dem roten Stift sieht jeder an sich selbst, was angekommen ist. Das ändert die Haltung schneller als jedes Argument: weg von „Wie wehre ich das ab?“, hin zu „Wie komme ich da gar nicht erst hin?“.
Das ist keine Kapitulation. Das ist Deeskalation: Die beste Abwehr ist die Situation, die nicht entsteht.
📖Zum Weiterlesen: Präventionszentrum der Polizei Bremen, „Verhaltensregeln bei einem Raubüberfall“; Dennis Tueller (1983), „How Close Is Too Close?“ – zur Frage, wie schnell Distanz überbrückt ist.
KI-Schockanruf: Das Warnsignal ist nicht die Stimme, sondern der emotional aufgebaute Druck
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Worum es geht: Ihr Telefon klingelt. Am anderen Ende klingt es wie Ihre Tochter. Sie weint, es gab einen Unfall. Dann übernimmt eine fremde Person, und es muss sofort Geld fließen. Diese Anrufe gibt es seit Jahren. Neu ist nur, dass dank KI-Programmen wie ElevenLabs die Stimme jetzt stimmt. Für einen Klon reichen wenige Sekunden Audio – aus einem Video, einer Sprachnachricht, irgendeiner Gruppe. Damit ist der alte Rat tot, auf die Stimme zu achten. Was funktioniert, sind drei Dinge: auflegen und über die Nummer zurückrufen, die Sie schon haben. Einen Satz in der Familie vereinbaren, den nur Sie kennen. Und wissen, dass diese Anrufe nur über Zeitdruck funktionieren.
⚡Kurz gesagt: Das Warnsignal ist nicht die Stimme. Das Warnsignal ist der emotional aufgebaute Druck. Und wer unter Druck gesetzt wird, darf auflegen – auch bei der eigenen Familie.
🛠️ Was heißt das für Sie – und wie nutzen Sie es?
In Ausgabe 01 ging es um den Deepfake im Videoanruf. Die Regel von damals gilt hier genauso: Wer etwas will, wird auf einem zweiten Weg bestätigt.
Neu ist, wie schlecht unsere Ohren dabei abschneiden. In einer Studie erkannten Menschen künstliche Sprache nur in rund drei von vier Fällen. Bei geklonten Stimmen lag die Trefferquote in einer neueren Untersuchung kaum über Raten. Und das waren Versuche in Ruhe – nicht mit einer weinenden Tochter am Telefon.
Drei Dinge, die Sie heute noch erledigen können
- Den Familiensatz vereinbaren. Kein Geburtsdatum, kein Name des Haustiers, nichts, was irgendwo öffentlich steht. Ein Satz, den nur Sie kennen.
- Mit den Älteren sprechen. Eltern und Großeltern sind das häufigste Ziel. Sagen Sie ihnen ausdrücklich: Wenn ich anrufe und Druck mache, darfst du auflegen. Ich bin dir nicht böse.
- Die Rückrufnummer festlegen. Zurückgerufen wird über die Nummer, die Sie schon gespeichert haben. Nicht über die, die angezeigt wurde, und nicht über eine, die Ihnen am Telefon genannt wird.
Und im Beruf
Dasselbe Muster läuft an jedem Empfang, in jeder Verwaltung und auf jeder Station: ein Anruf, viel Druck, eine Auskunft oder Freigabe, die sofort sein muss. Die Regel ist dieselbe wie zu Hause. Und sie schützt den, der sie befolgt: Wer sich auf eine feste Regel berufen kann, muss am Telefon nicht diskutieren.
📖Zum Weiterlesen: Kimberly Mai u. a. (2023), „Warning: Humans cannot reliably detect speech deepfakes“, PLOS ONE; Sarah Barrington, Emily Cooper & Hany Farid (2025), „People are poorly equipped to detect AI-powered voice clones“, Scientific Reports.
Das war die dritte Kaffeepause. Danke fürs Lesen und ein erholsames Wochenende. 🙂
Bis in drei Wochen.
Mark Bottke
PS: Sollte heute Abend eine kleine Truppe aus Gespenstern, Hexen, Vampiren oder Ähnlichem vor Ihrer Tür stehen und mit viel Druck Süßes fordern: Das ist der einzige Erpressungsversuch, bei dem ich empfehle, sofort nachzugeben. 🍬
Mark Bottke, MB-Trainings, 31.10.2026
